AllgemeinJochen Brockmann

Dieses Interview mit Jochen Brockmann, Leiter der „Klaviertage Unterelbe“ und der Redakteurin des Stader Tageblatts, Mirja Martens, soll hier auf unserer Internetseite der „Klaviertage“ festgehalten werden:

Die Klaviertage Unterelbe feiern Jubiläum. Vor zehn Jahren rief eine Gruppe Musikbegeisterter im Landkreis Stade einen Meisterkurs für hochbegabte Pianisten ins Leben. Im Interview mit erzählt Organisator Jochen Brockmann von einprägsamen Erlebnissen und einer Win-Win-Situation.

TAGEBLATT: Gibt es ein Erlebnis während der Klaviertage, an das Sie persönlich besonders gerne zurückdenken?

Brockmann: Oh ja, da gibt es viele tolle Bilder, die unvergessen sind, von besonderen Ereignissen und Gästen. Für mich einer der interessantesten Besuche war sicherlich der der japanischen Pianistin Yoko Kono, einer alten Dame, die extra aus Tokyo kam, um uns in einer Art Talkshow über das Kursleben in den Meisterkursen des unsterblichen Arturo Benedetti Michelangeli in den Bergen Südtirols zu berichten. Dort hatte sie nämlich Bernd Goetzke kennengelernt, auf dessen Initiative dieses Wiedersehen im Pferdestall des Schloss Agathenburg zustande kam.

Warum ist Ihnen gerade dieser Besuch so im Gedächtnis geblieben?

Er bleibt mir unvergessen, weil hier so deutlich wurde, wie prägend ein solches Aufeinandertreffen für junge Pianisten ist, welche Bedeutung das Zusammenleben mit Michelangeli für die neue Pianistengeneration hatte, von der Autofahrt in die Berge bis zum gemeinsamen Kochen, und wie bedeutsam eine bestimmte Kultur in einem Meisterkurs doch ist.

Hinterlässt so ein Meisterkurs mit Konzerten, wie er hier unter dem Titel „Klaviertage Unterelbe“ stattfindet, auch Spuren in der Region beziehungsweise beim Publikum?

Die Klaviertage sind durch die besondere Konstellation des Kurses, des Festivals und der abschließenden Vergabe des Publikumspreises, an dessen Bedeutung wir im Moment arbeiten, eine Miniatur des Werdens und Entstehens von Kultur. Das Publikum hat die Möglichkeit, junge Pianisten in ihrem Werdegang zu begleiten.

Wie muss man sich das konkret vorstellen?

Das macht ein einfaches Beispiel deutlich: Der Pianist Igor Levit zum Beispiel, in der Anfangsphase der Klaviertage war er einmal kurz beim Kurs dabei, als Gaststar dann im Pferdestall mit Prokofiev-Sonaten und heute spielt er in der Carnegy-Hall oder der Elbphilharmonie. Will sagen: Wir können hier die Pianistengeneration von morgen kennenlernen und erleben. Und dies ist sehr niedrigschwellig möglich – von den persönlichen Kontakten des Publikums mit den Teilnehmern nach den Konzerten bis hin zu sehr niedrigen Konzertpreisen bei unvermindert hoher Qualität der Konzerte. Für Schüler der Musikschule ist der Eintritt sogar frei, sodass die Teilnehmer auch für die regionale musizierende Jugend eine gewisse Vorbildfunktion einnehmen können.

Und umgekehrt blicken die möglichen Star-Pianisten von morgen gerne in Richtung Stade…

Durch den Kurs und verstärkt noch durch den Publikumspreis werden unsere Teilnehmer an unsere Region gebunden, erinnern sich gerne an Stade und folgen gerne einer erneuten Einladung zu Konzerten, wie wir in diesem Jubiläumsjahr sehen und noch sehen werden. All dies ist für alle, für das Kulturleben, die Jugend, die Förderer und die jungen Pianisten eine Situation, in der alle nur gewinnen können. Durch die Nutzung von gemeinsamen Interessen zum Beispiel auch mit Kirchengemeinden und Kulturvereinen gelingt eine gewisse Nachhaltigkeit, die langsam unsere Region prägt. Die Klaviertage sind wie ein Baum, der zwar nur langsam wächst, aber dadurch und durch gute Pflege eine besondere Stärke erreicht – er ist gesund, kräftig und nun zehn Jahre alt; nun wollen wir sehen, wie er weiter gedeiht.

Gab es im Verlauf der vergangenen zehn Jahre denn auch Veränderungen?

Die Klaviertage haben sich glücklicherweise kaum verändert. Wir haben ein klares Konzept: Im Zentrum steht der Meisterkurs für junge Pianisten mit Professor Bernd Goetzke. Eine weitere Säule ist die vorhandene Bereitschaft der Kreisjugendmusikschule Stade, des Landkreises Stade, des Landschaftsverbandes Stade und der beiden Rotary Clubs Altes Land, Jork und Stade sowie der Kulturstiftung Schloss Agathenburg und einzelner privater Personen, das schon immer zehntägige Projekt jedes Jahr aufs Neue finanziell und materiell zu unterstützen. Verändert haben sich nur Details: mehr oder weniger Konzerte pro Jahr, die Spielstätten im Landkreis Stade und sicherlich die Teilnehmer selbst – und Letzteres ist ja das Ziel des Kurses, denn wir möchten ja junge Leute, junge Pianisten befähigen, besser und sicherer im Klavierspiel zu werden.

Wo sehen Sie Meisterkurs und Festival in den nächsten zehn Jahren? Sind Neuerungen geplant?

Nein, wir möchten den Meisterkurs als Kern so behalten, wie er ist. Veränderungen in Richtung „mehr“ sind nicht geplant. Es gab und gibt Überlegungen, die Zahl der Teilnehmer zu erhöhen und den Kreis der Dozenten neben Herrn Goetzke zu erweitern, dies soll und kann aber nur geschehen, wenn das Konzept und die Qualität des Kurses unangetastet bleiben. Verschiedene Versuche in diese Richtung haben gezeigt, dass hier „mehr“ nicht gleichzeitig „besser“ ist.

Und mit Blick auf die Konzertveranstaltungen, die in diesem Jubiläumsjahr deutlich ausgeweitet worden sind?

Was das Festival betrifft, so werden wir im nächsten Jahr wieder in den zehntägigen Zeitraum im Sommer zurückgehen, aus dem gleichen Grund: die Balance aus der Aufmerksamkeit durch die kulturelle und musikinteressierte Szene im Landkreis Stade mit der Qualität unserer Teilnehmer und Gäste und der Präsentation der Ergebnisse des Kurses zu halten. Das heißt aber nicht, dass wir nicht stets bereit und offen sind, wieder – wie schon so häufig – für besondere Ereignisse und Überraschungen zu sorgen.